Viele Organisationen arbeiten hart.
Viele liefern Output.
Viele erreichen sogar ihre Ziele.
Und trotzdem scheitern sie.
Warum?
Weil sie nicht auf Impact, sondern auf Aktivität optimieren.

Das Buch Impact-first Product Teams von Matt LeMay zeigt, dass viele Organisationen fälschlicherweise Output (Features, Releases) mit echter Wirkung verwechseln und dadurch scheinbaren Fortschritt erzeugen. Stattdessen fordert LeMay, Arbeit konsequent an der erzielten Wirkung beim Kunden auszurichten - also an echten Verhaltensänderungen und nicht an gelieferten Artefakten. Diese Logik entspricht exakt der Outcome-Orientierung von OKR, bei der Erfolg über messbare Veränderungen beim Kunden definiert wird und nicht über Aktivitäten . Damit liefert das Buch eine wichtige theoretische Grundlage für moderne Produktarbeit, während OKR den strukturierten Rahmen bietet, um diese Wirkungsorientierung systematisch im Unternehmen umzusetzen.
Gleichzeitig macht LeMay deutlich, dass dieser Shift nicht nur ein Methodenwechsel ist, sondern ein tiefgreifender kultureller Wandel hin zu mehr Verantwortung für echte Ergebnisse. Genau hier entfaltet OKR seine Stärke, indem es Teams befähigt, Wirkung iterativ zu lernen, statt vermeintliche Lösungen nur abzuarbeiten.
1. Das Grundproblem: Output ist nicht gleich Wirkung
LeMay beschreibt eine der zentralen Fehlannahmen moderner Organisationen:
Teams werden für Output verantwortlich gemacht - nicht für Impact.
Typischer Aufbau:
- Produktteams liefern Output (Features, Projekte)
- daraus entstehen Outcomes (Verhaltensänderungen)
- daraus entsteht Impact (Business-Erfolg)
In vielen Organisationen endet Verantwortung jedoch beim Output
Das führt zu einem strukturellen Problem:
->Niemand fühlt sich wirklich für den Unternehmenserfolg verantwortlich
Wie OKR das unterstützt
OKR zwingt zur Unterscheidung:
- Objective = angestrebte Wirkung
- Key Results = messbare Veränderungen
Dadurch wird der Fokus verschoben:
-> weg von „Was haben wir gebaut?“
-> hin zu „Was hat sich verändert?“
Das entspricht exakt der wissenschaftlich fundierten Wirkungskette (Output → Outcome → Impact), wie sie auch in der Wirkungsforschung etabliert ist.
2. Impact als Ausgangspunkt - nicht als Ergebnis
Ein zentrales Konzept im Buch:
Erfolgreiche Teams denken vom Impact rückwärts
Nicht:
- „Was können wir bauen?“
sondern:
- „Welchen Beitrag zum Geschäftserfolg wollen wir leisten?“
LeMay zeigt, dass Impact häufig auf Managementebene „geparkt“ wird - während Teams nur operative Ziele verfolgen.
Das ist gefährlich.
Denn:
Ohne Impact-Bezug verlieren Teams Orientierung
Wie OKR das unterstützt
OKR verankert genau diese Logik strukturell:
- Vision & Purpose → langfristiger Impact
- Moal (Midterm Goal) → mittelfristiger Impact
- OKR → kurzfristige Beiträge dazu
Dadurch entsteht:
-> eine durchgängige Wirkungskette über alle Ebenen hinweg
Das verhindert lokale Optimierung ohne Gesamtwirkung.
3. Die „Low Impact Death Spiral“
Ein besonders eindrückliches Konzept im Buch:
Die „Low Impact Death Spiral“.
Diese beschreibt Organisationen, die:
- viele Dinge tun
- viel Output produzieren
- aber wenig Wirkung erzielen
Typische Symptome:
- zu viele Ziele
- fehlender Fokus
- starke Abhängigkeiten
- viel Abstimmung, wenig Wirkung
Wie OKR das unterstützt
OKR wirkt hier auf mehreren Ebenen:
1. Fokus
- wenige Objectives
- wenige Key Results
-> reduziert Komplexität
2. Transparenz
- klare Zielbilder
- gemeinsame Ausrichtung
-> reduziert Abstimmungsaufwand
3. Selbstorganisation
- Teams wählen Lösungswege selbst
-> reduziert Abhängigkeiten
Damit adressiert OKR exakt die Ursachen der „Death Spiral“.
4. Ziele ohne Wirkung: Das OKR-Paradox im Buch
LeMay beschreibt ein reales Beispiel:
Ein Team definiert OKRs, erreicht sie - aber kann nicht sagen, ob sie zum Unternehmensziel beitragen.
Zitat sinngemäß:
-> „Ich weiß nicht, ob unsere Key Results helfen, das Jahresziel zu erreichen.“
Das ist ein zentrales Paradox:
-> Ziele werden erreicht - aber Wirkung bleibt unklar
Wie OKR das unterstützt (wenn richtig angewendet)
OKR löst dieses Problem nur unter einer Bedingung:
-> Key Results müssen echte Wirkungsindikatoren sein
Nicht:
- Anzahl Features
- Anzahl Releases
Sondern:
- Nutzerverhalten
- Kundenreaktionen
- Businessmetriken
Dann entsteht:
-> direkte Verbindung zwischen täglicher Arbeit und strategischem Ziel
5. Outcomes als Hebel der Wirkung
Ein zentrales Konzept im Buch:
-> Outcomes sind die steuerbare Ebene
Warum?
- Impact ist oft verzögert
- Output ist zu trivial
Outcomes hingegen:
-> sind beobachtbare Verhaltensänderungen
Beispiel:
- Output: Feature gebaut
- Outcome: Nutzer verwenden Feature
- Impact: Umsatz steigt
Wie OKR das unterstützt
OKR operationalisiert genau diese Logik:
- Key Results messen Outcomes
- nicht Outputs
Das wird auch in der OKR-Literatur klar gefordert:
->Kundenzentrierung ist zwingend notwendig
Damit wird OKR zu einem:
-> Steuerungssystem für Verhaltensänderung
6. Impact-first bedeutet: Hypothesen statt Pläne
LeMay zeigt:
-> In komplexen Systemen funktionieren keine linearen Pläne
Stattdessen:
- Annahmen treffen
- Experimente durchführen
- lernen und anpassen
Ein Beispiel im Buch:
Teams arbeiten mit Experimenten statt festen Releases.
Wie OKR das unterstützt
OKR ist inhärent iterativ:
- kurze Zyklen
- regelmäßige Reviews
- Anpassung der Maßnahmen
Das entspricht exakt:
-> dem wissenschaftlichen Prinzip des empirischen Lernens (ähnlich Lean Startup, Build-Measure-Learn)
7. Priorisierung über Impact
Ein weiterer zentraler Gedanke:
-> Priorisierung muss sich am Impact orientieren
Nicht an:
- Aufwand
- politischer Bedeutung
- Hierarchie
Im Buch werden Frameworks wie RICE (reach, impact, certainty, and effort) erwähnt. OKRs machen RICE im Grunde überflüssig, weil gut formulierte OKRs bereits implizit dieselbe Priorisierungslogik erzwingen: Ein klar definiertes Key Result mit messbarem Zielbeitrag (Impact über Outcome), realistischem Zeithorizont (Effort) und einer ambitionierten, aber erreichbaren Schwelle (Reach & Confidence) enthält dieselben Dimensionen - nur kontextuell eingebettet statt als separate Scoring-Übung. Wer OKRs konsequent nutzt, priorisiert ohnehin nur Initiativen, die direkt auf ein Key Result einzahlen, womit RICE zur redundanten Bürokratie wird: Der OKR-Fit ist der Score.
Wie OKR das unterstützt
OKR ersetzt klassische Priorisierung durch:
-> Fokussierung auf wenige Ziele mit maximaler Wirkung
Das bedeutet:
- nicht alles wird gemacht
- sondern nur das, was zum Objective beiträgt
Das reduziert:
-> kognitive Last
-> Kontextwechsel
-> Ineffizienz
8. Verantwortung neu denken
Ein zentraler Paradigmenwechsel im Buch:
-> Teams müssen Verantwortung für Impact übernehmen
Nicht nur für Output.
Denn:
„Am Ende hängt der Erfolg eines Teams immer am Geschäftserfolg“
Wie OKR das unterstützt
OKR schafft genau diese Verantwortungsverschiebung:
- Teams definieren ihre OKRs selbst
- Teams verantworten deren Erreichung
Dadurch entsteht:
Ownership statt Abarbeitung
Das ist konsistent mit Motivationstheorien (Deci & Ryan - Selbstbestimmungstheorie).
9. Der zentrale Mechanismus: Rückwärtsdenken vom Ziel
Ein starkes Bild aus dem Buch:
Ein Team visualisiert:
- aktueller Stand
- Zielzustand
Und stellt die Frage:
-> „Wie kommen wir von hier nach dort?“
Wie OKR das unterstützt
OKR zwingt genau dieses Denken:
- Objectives definieren Zielzustände
- Key Results definieren Fortschritt
Dadurch entsteht:
-> kontinuierliches Backward Thinking
Ein zentrales Element strategischer Arbeit.
10. Fazit: Impact-first ist kein Trend - sondern Notwendigkeit
Das Buch zeigt klar:
-> Organisationen scheitern nicht an fehlender Aktivität
-> sondern an fehlender Wirkung
Die Lösung:
- Impact klar definieren
- Outcomes steuern
- Output flexibel halten
Und genau hier setzt OKR an
OKR ist kein Zielsystem im klassischen Sinne.
Es ist:
-> ein Framework zur Steuerung von Wirkung unter Unsicherheit
Es verbindet:
- strategische Klarheit
- operative Flexibilität
- empirisches Lernen
Die wichtigste Erkenntnis
Wenn man das Buch konsequent zu Ende denkt, bleibt eine zentrale Einsicht:
-> Arbeit ist nur dann sinnvoll, wenn sie Wirkung erzeugt.
Und:
-> Wirkung entsteht nicht durch Planung - sondern durch Lernen.
OKR ist genau dafür gemacht.
Kritik: Starke Ideen - mit blinden Flecken
Das Buch liefert extrem wertvolle Impulse:
Die 3 wichtigsten Impulse
- Fokus auf Impact statt Output:
Organisationen müssen Erfolg über tatsächliche Verhaltensänderungen beim Kunden definieren, da nur Outcomes und Impact nachweislich mit Unternehmenserfolg korrelieren (vgl. Wirkungslogik: Output → Outcome → Impact; Rossi et al., 2018).
- Rückwärtsdenken vom Ziel (Impact-first):
Wirksame Produktarbeit beginnt mit dem gewünschten Geschäftsergebnis und leitet daraus Maßnahmen ab, was konsistent mit strategischen Ansätzen wie Backward Planning und Goal-Setting Theory ist (Locke & Latham, 2002).
- Arbeiten in Hypothesen und Experimenten:
In komplexen Systemen entsteht Wirkung nur durch iteratives Lernen, nicht durch Planung, was durch Forschung zu komplexen adaptiven Systemen und Lean-Startup-Prinzipien gestützt wird (Ries, 2011; Snowden & Boone, 2007).
Die 3 größten Kritikpunkte
- Unklare Trennung zwischen Outcome und Impact:
Das Buch bleibt konzeptionell unscharf, obwohl die Differenzierung entscheidend ist, um Ursache-Wirkungs-Beziehungen valide zu messen (vgl. Wirkungsforschung, OECD, 2021).
- Fehlende systemtheoretische Fundierung:
Die Rolle von Organisationen als komplexe soziale Systeme wird nicht ausreichend berücksichtigt, wodurch zentrale Dynamiken wie Selbstreferenz und Nicht-Linearität unterbelichtet bleiben (Luhmann, 1997).
- Unterschätzung organisationaler Realität:
Kulturelle, politische und strukturelle Barrieren werden zu wenig adressiert, obwohl Transformation hin zu Outcome-Verantwortung empirisch als hochgradig schwierig gilt (Kotter, 1996; Beer & Nohria, 2000).

