Alle paar Monate wird OKR beerdigt. Der Sarg ist inzwischen abgenutzt, so oft wurde er getragen. 2024 hieß es „OKR ist tot, hoch lebe AOA, Big Goals, CFR, OGSM, Hoshin Kanri, 4DX, BSC“. Ich habe damals schon geschrieben, dass an dieser Grabrede etwas nicht stimmt. Zwei Jahre später ist die Liste der angeblichen Nachfolger länger geworden, der Grundfehler aber derselbe.
Deshalb hier die aktualisierte Fassung. Mit den neuen Kandidaten, mit dem, was ich seither gelernt habe, und mit einer These, die ich diesmal klarer sage als vorher: Wenn du OKR im Kern verstehst und richtig anwendest, gibt es keine Alternative zu OKR. Die vermeintlichen Alternativen reparieren allesamt Probleme, die gar nicht im OKR stecken, sondern in seiner falschen Anwendung.
Der Friedhof ist voller, das Muster ist gleich
Seit dem letzten Artikel sind ein paar Namen dazugekommen, die man kennen sollte.
Der lauteste ist NCT, Narrative, Commitments, Tasks. Ravi Mehta, früher Produktchef bei Tinder, hat es formuliert und positioniert es offen als OKR-Nachfolger. Sein Vorwurf: OKR gebe dir nur zwei von drei Beinen. Das Was und das Wie viel, aber nicht das Warum. Das Narrative soll dieses Warum liefern, die Commitments sind drei bis fünf messbare Zusagen, die Tasks bleiben bewusst unverbindlich. Dazu kommt eine Umkehr der Ambitionslogik: NCT zielt auf hundert Prozent Erreichung, nicht auf den klassischen Stretch mit sechzig bis siebzig.
Daneben laufen die üblichen Verdächtigen weiter. GIST von Itamar Gilad verheiratet Ziele mit einem Experiment-Backlog. FAST aus der MIT Sloan Review will Ziele häufig besprochen, ambitioniert, spezifisch und transparent halten. Die North Star Metric aus dem Growth-Umfeld reduziert alles auf eine einzige Leitkennzahl. Und die alten Bekannten, OGSM, Hoshin Kanri, 4DX, Balanced Scorecard, V2MOM, CFR, sind natürlich nicht verschwunden.
Fällt dir etwas auf? Jeder dieser Ansätze verkauft sich über genau ein Feature, das der Anwender bei OKR angeblich vermisst. Kontext. Experimente. Gesprächsdisziplin. Eine Leitzahl. Strategieanschluss. Und jedes dieser Features ist in einem richtig verstandenen OKR bereits enthalten. Der Markt verkauft dir also einzelne Ersatzteile und behauptet, es seien ganze Autos.
Warum überhaupt jemand nach Alternativen sucht
Die ehrliche Antwort tut weh: Die meisten Firmen, die OKR aufgeben, haben nie OKR gemacht.
Sie haben ihr altes Management by Objectives genommen, das Vokabular getauscht und sich gewundert, dass es sich anfühlt wie vorher. Ziele werden von oben durchkaskadiert. An Boni gekoppelt. Quartalsweise als Vorgabe verteilt statt vom Team selbst formuliert. Das ist kein OKR. Das ist Drucker von 1954 mit neuem Etikett.
Und weil das nicht funktioniert, natürlich funktioniert es nicht, entsteht Frust. Der Frust sucht sich ein Ventil, und das Ventil heißt „die Methode ist schuld“. Also kommt die nächste Methode. Sie verspricht genau das zu heilen, was am kaputten OKR wehtat. Eine Weile fühlt sich das besser an, weil alles Neue sich besser anfühlt. Dann stellt sich derselbe Fehler wieder ein, weil er nie in der Methode saß, sondern im mechanistischen Denken dahinter.
Das ist der eigentliche Grund für den vollen Friedhof. Nicht dass OKR versagt. Sondern dass es fast nie richtig gebaut wird.
NCT als Testfall: Reparatur, keine Alternative
Nehmen wir den stärksten Herausforderer ernst und gehen ihn durch. NCT macht drei Versprechen. Schauen wir, ob eines davon etwas ist, das OKR nicht schon kann.
Erstens der Kontext, das Narrative. Mehta hat recht, dass nackte Objectives ohne strategischen Bezug wertlos sind. Nur ist genau diese Verbindung der Grund, warum wir vor über zehn Jahren das Moal, das MidTerm Goal Picture, ins Framework aufgenommen haben. Ein Objective, das nicht auf ein Zielbild einzahlt, das nicht aus Vision, HED und MED abgeleitet ist, ist kein OKR-Problem, sondern eine handwerklich unfertige OKR-Einführung. NCT baut das Warum ins Zielformat ein. Wir bauen es in die Architektur ein, eine Ebene höher, wo es hingehört. Das Narrative ist kein fehlendes drittes Bein. Es ist der Boden, auf dem die Beine stehen.
Zweitens die Vermischung von Outcomes und Deliverables. NCT erlaubt beides als Commitment. Das klingt pragmatisch und ist in Wahrheit der Punkt, an dem es kippt. Der ganze Wert von OKR liegt in der Trennung von Wirkung und Tätigkeit. Key Results messen, was sich in der Welt verändert, nicht was das Team abarbeitet. Sobald du Deliverables als gleichwertige Ziele zulässt, bekommst du wieder To-do-Listen mit Ambitionsanstrich. NCT nennt einen Bug ein Feature.
Drittens die hundert Prozent. NCT verabschiedet sich vom Stretch und will Ziele, die sicher erreichbar sind. Ich verstehe den Reiz, gerade in Kulturen, die Zielverfehlung bestrafen. Aber sicher erreichbar und ambitioniert schließen sich aus. Ein System, das auf hundert Prozent Erfüllung ausgelegt ist, erzieht Teams dazu, klein zu planen. Das ist nicht mutiger als OKR, das ist vorsichtiger. Und Vorsicht war noch nie der Grund, warum jemand ein Zielsystem einführt.
Bleibt am Ende: NCT ist eine durchdachte Reparatur an drei realen OKR-Schmerzen. Aber jeder dieser Schmerzen entsteht durch schlechtes OKR, nicht durch OKR. Man kann ein Auto nicht dadurch verbessern, dass man den Motor ausbaut, weil er falsch eingebaut war.
Dasselbe Muster bei den anderen. CFR, Conversations, Feedback, Recognition, beschreibt exakt das, was in einem lebendigen OKR-Betrieb ohnehin passiert: Weekly, Review, Retrospektive. Wer CFR als Ergänzung braucht, hat seine OKR-Events nie mit Leben gefüllt. Die North Star Metric wird in der Praxis fast immer zu einem Key Result. 4DX ist eine Fokus- und Verbindlichkeitsmechanik, die im OKR-Prinzip Fokus schon steckt. OGSM ist OKR in jährlich und langsam. Keiner dieser Ansätze bietet dir etwas, das ein sauber gebautes OKR-System nicht hätte. Sie bieten dir Teile davon, isoliert, und nennen es Ganzheit.
Was OKR im Kern wirklich ist
Hier liegt der Grund, warum die Alternativen strukturell nicht gewinnen können. Sie und OKR spielen nicht dasselbe Spiel.
Fast alle klassischen Zielsysteme denken die Organisation als Maschine. Oben wird gesteuert, unten wird ausgeführt, Abweichung ist ein Fehler im Getriebe. Das funktioniert, solange die Welt kompliziert ist, also aus vielen Teilen besteht, die sich mit genug Analyse durchrechnen lassen. Es bricht zusammen, sobald die Welt komplex wird, sobald Wirkung und Ursache auseinanderfallen und Überraschung die Regel ist.
OKR ist das einzige verbreitete Framework, das die Organisation nicht als Maschine denkt, sondern als soziales System im Sinne Luhmanns. Ein System, das über Kommunikation läuft, nicht über Personen. Das sich lose koppelt statt hart durchkaskadiert. Das mit Emergenz rechnet, also damit, dass gute Lösungen im Prozess entstehen und nicht vorab bekannt sind. Genau deshalb definieren Teams ihre Ziele selbst. Genau deshalb ist der Zyklus kurz. Genau deshalb sitzt eine Retrospektive am Ende, die auch den Prozess selbst infrage stellt.
Das ist kein methodisches Detail, das ist der ganze Unterschied. Wer OKR als besseres Zielformular versteht, hat den Kern verpasst und wird zwangsläufig irgendwann eine Alternative suchen, weil ein Formular tatsächlich austauschbar ist. Wer OKR als Betriebssystem für eine lernende Organisation versteht, sucht nichts mehr. Es gibt in dieser Kategorie nämlich nur einen Bewerber.
Die eine Herausforderung, die real ist
Damit das hier keine Werbebroschüre wird: Es gibt ein echtes Problem, und es heißt nicht NCT.
Es gibt nicht das eine OKR. Doerr beschreibt ein anderes OKR als Grove es bei Intel gebaut hat, und beide meinen etwas anderes als das, was wir als soziales System verstehen. Diese Uneindeutigkeit ist gefährlich, weil sie es jedem erlaubt, sein Missverständnis OKR zu nennen und dann dessen Scheitern der Methode anzulasten. Der halbe Friedhof ist mit fehletikettierten Leichen gefüllt.
Die Aufgabe ist deshalb nicht, die nächste Alternative zu suchen. Die Aufgabe ist, endlich sauber zu definieren, was OKR im Kern ausmacht, und den Mut zu haben, alles andere nicht OKR zu nennen. Das ist unbequemer als ein neues Akronym, aber es ist der einzige Weg, der irgendwohin führt.
Fazit
Die Grabreden auf OKR sagen mehr über die Redner als über OKR. Fast immer beerdigen sie eine mechanistische Fehlversion und feiern eine Alternative, die genau ein Symptom dieser Fehlversion behandelt. NCT, GIST, FAST, CFR, OGSM, Hoshin Kanri, 4DX, die North Star Metric, kein einziges dieser Systeme bietet etwas, das nicht in einem richtig verstandenen OKR bereits vorhanden wäre.
Wenn du OKR im Kern verstehst, als soziales System, nicht als Zielformular, und es sauber anwendest, dann gibt es keine Alternative zu OKR. Es gibt dann nur OKR und Missverständnisse von OKR. Der Rest ist Ersatzteilhandel.
OKR ist nicht tot. Es wurde nur selten wirklich lebendig.

