1. Ein uraltes Denkmodell – das wir bis heute nicht hinterfragt haben
Unsere moderne Welt wirkt technologisch hochentwickelt, dynamisch und komplex. Doch unser Denken basiert erstaunlich oft noch auf einem philosophischen Fundament, das über 2000 Jahre alt ist.
Die sogenannten Transzendentalien –
→ das Gute, das Wahre, das Schöne und das Eine –
gehen auf die antike Philosophie zurück, insbesondere auf Platon und wurden später durch Aristoteles systematisiert.
Sie beschreiben grundlegende Kategorien, mit denen Menschen die Welt ordnen:
- Das Wahre → Erkenntnis (Was ist richtig?)
- Das Gute → Ethik (Was sollen wir tun?)
- Das Schöne → Ästhetik (Was ist wertvoll?)
- Das Eine → Ordnung (Was gehört zusammen?)
Diese Kategorien strukturieren bis heute Organisationen – meist implizit.
2. Aristoteles und die blaue Welt: Die Welt ist erklärbar
Mit Aristoteles entsteht ein Denkmodell, das bis heute Management prägt:
Die Welt ist erkennbar, analysierbar und steuerbar.
Gerhard Wohland beschreibt diese Logik als die blaue Welt: kompliziert, aber erklärbar
Hier gilt:
- Ursache → Wirkung
- Analyse → Lösung
- Wissen → Handlung
Die Transzendentalien funktionieren hier ideal:
- Wahrheit ist auffindbar
- Ziele sind definierbar
- Ordnung ist herstellbar
3. Taylorismus: Die Perfektion dieser Logik
Der Taylorismus ist die industrielle Umsetzung dieses Denkens:
- Trennung von Denken und Handeln
- Standardisierung
- Optimierung
→ Aristoteles wird zur Organisationstheorie.
Und das war ein enormer Fortschritt:
- Effizienz
- Skalierung
- Vorhersagbarkeit
Taylorismus ist nicht falsch – er ist perfekt für die blaue Welt.
4. Der Bruch: Die rote Welt
Heute bewegen wir uns zunehmend in Wohlands roter Welt:
→ komplex, nicht erklärbar, nur erfahrbar
Beschrieben durch:
- VUCA
- TUNA
- RUPT
Merkmale:
- Nichtlinearität
- Unsicherheit
- Emergenz
- Widersprüche
→ Wissen entsteht nicht mehr vor der Handlung – sondern im Handeln.
5. Systemtheorie: Warum unser Denken hier scheitert
Hier liefert die Systemtheorie (Niklas Luhmann) die entscheidende Erklärung.
5.1 Systeme beobachten – nicht die Realität
Luhmanns zentrale These:
Systeme operieren nicht in der Realität –
sie operieren in ihren eigenen Beobachtungen.
Das bedeutet:
- Organisationen sehen nicht „die Welt“
- sondern ihre Interpretation der Welt
→ „Das Wahre“ ist keine objektive Eigenschaft
→ sondern ein Ergebnis von Beobachtung
5.2 Selbstreferenz statt Steuerbarkeit
Organisationen sind: selbstreferenzielle Systeme
Sie:
- erzeugen ihre eigenen Regeln
- stabilisieren ihre eigenen Muster
- reagieren auf ihre eigene Logik
Das hat eine radikale Konsequenz:
Systeme lassen sich nicht direkt steuern –
nur irritieren.
5.3 Warum die Transzendentalien problematisch werden
Die Transzendentalien unterstellen:
- Es gibt eine objektive Wahrheit
- Es gibt ein klar definierbares Gutes
- Es gibt eine stabile Ordnung
Systemtheoretisch ist das nicht haltbar:
- Wahrheit ist beobachterabhängig
- Gutheit ist systemintern konstruiert
- Ordnung ist temporär und emergent
→ Die Welt ist nicht „so“ – sie wird so beobachtet.
6. Das eigentliche Problem: Wir beobachten falsch
Organisationen versuchen heute:
→ eine komplexe Welt (rot)
→ mit einer linearen Beobachtungslogik (blau)
→ zu verstehen und zu steuern
Das führt zu:
- KPI-Inflation
- Prozessbürokratie
- Scheinkontrolle
Luhmann würde sagen:
Das System reduziert Unsicherheit –
aber nicht unbedingt sinnvoll.
7. OKR als systemtheoretische Antwort
Hier wird es spannend:
OKR funktioniert nicht, weil es „bessere Ziele“ macht.
OKR funktioniert, weil es die Beobachtungslogik verändert.
7.1 OKR als Beobachtungssystem
OKR zwingt Organisationen:
- sich selbst zu beobachten
- Wirkung sichtbar zu machen
- Annahmen zu hinterfragen
→ Das ist exakt das, was Luhmann beschreibt als:
Selbstbeobachtung von Systemen
7.2 Key Results = strukturierte Beobachtung
Key Results sind keine Ziele.
Sie sind:
→ Beobachtungsangebote
Sie beantworten:
- Was verändert sich?
- Was wirkt?
- Was nicht?
7.3 Objectives = Sinnangebote
Objectives sind:
→ keine Vorgaben
→ sondern Sinnangebote
(Groth & Richter: Sinnkopplung)
Sie ermöglichen:
- gemeinsame Ausrichtung
- ohne zentrale Steuerung
8. OKR verbindet Blau und Rot
Der eigentliche Clou:
OKR ersetzt die blaue Welt nicht.
Es verbindet beide:
9. Der Paradigmenwechsel
Der entscheidende Unterschied:
10. Fazit: Vom Steuern zum Beobachten
Die Transzendentalien, Aristoteles und der Taylorismus waren:
→ extrem erfolgreiche Antworten auf eine erklärbare Welt
Doch heute gilt:
Wir leben in einer Welt, die nicht mehr primär erklärbar ist –
sondern beobachtet werden muss.
Und genau hier liegt die Stärke von OKR:
- nicht als Zielsystem
- sondern als Beobachtungs- und Lernsystem
→ Wir hören auf zu fragen: „Was ist richtig?“
→ Und beginnen zu fragen: „Was wirkt?“
Und genau das ist der Übergang:
→ von Kontrolle zu Beobachtung
→ von Wissen zu Lernen
→ von Blau zu Rot

